Hanning Voigts

Journalist und Autor.

Rappen gegen Kaltland

| 7 Kommentare

Zeiten großer Konflikte sind Zeiten großer Songs. Oder, genauer: Wenn gesellschaftliche Probleme sich zuspitzen und sie selbst im Alltagsleben der Menschen nicht mehr zu übersehen sind, dann gibt es reichlich Material für Widerspruch und Kunst. Spätestens im Laufe dieses Jahres, unter dem Schlagwort einer „Flüchtlingskrise“, ist auch im allgemeinen Bewusstsein angekommen, dass die deutsche Gesellschaft in der Krise steckt. Selbstverständlich hat die steigende Zahl von Geflüchteten diese nicht ausgelöst, vielmehr überlagern sich schon seit einigen Jahren in ganz Europa eine Reihe ökonomischer und sozialer Phänomene: Die Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 ist nicht gelöst, das Wanken des Euros und das sich anschließende Staatsschuldenproblem hat zu massiven politischen und sozialen Verwerfungen in der EU geführt, die instabile Lage nicht nur im Nahen Osten zeigt, dass von einem „Ende der Geschichte“ (Fukuyama) und einem historischen Trend zu stabilen, liberal-kapitalistischen Gesellschaften keine Rede sein kann. Kurz gesagt: Die Krisenhaftigkeit der Moderne tritt derzeit so machtvoll auf den Plan wie seit 1989/90 nicht mehr.

Existenziell bedroht fühlen sich dadurch besonders Menschen, die gewohnt sind, soziale Verhältnisse als gott- oder naturgegeben zu betrachten. Es ist kein Zufall, dass die Zunahme sozialer Fliehkräfte überall in Europa von einem Erstarken nationalistischer, antidemokratischer und völkischer Bewegungen gekennzeichnet ist. Denn wenn sie ihren Wohlstand und ihre Privilegien in Gefahr sehen, tendieren die Leute dazu, vermeintlich Schuldige für ihre Probleme zu suchen und sich an dem festzuhalten, was sie für unveränderbar halten: Gott und Staat, Volk und Nation, Familie und Arbeit, Körper und Geschlecht. Spätestens seit dem Sommer 2013, als es in Berlin-Hellersdorf die ersten gemeinsamen Demonstrationen „besorgter Bürger_innen“ und Nazis gegen Flüchtlingsunterkünfte gab, ist klar, dass dieser Trend hierzulande stärker wird: Seitdem erleben wir mit Pegida, HoGeSa, der AfD, Zulauf zu Verschwörungstheorien und einer ständig zunehmenden Zahl rassistischer Gewalttaten – bis hin zu Brandanschlägen und pogromähnlichen Situationen – eine lange nicht mehr dagewesene völkische Mobilmachung. Diese Entwicklung ist älter, aber sie gewinnt an Dynamik. Möglicherweise entsteht sogar ein neuer Rechtsterrorismus.

Was tun? Kritische Rapper_innen haben auf den düsteren Trend seit 2013 mit einer wahren Flut von Tracks reagiert, die die Entwicklung wütend, pointiert, satirisch und zynisch thematisieren – und die gleichzeitig dazu anregen, politische Gegenstrategien zu entwickeln. Während es in den frühen 90er-Jahren vor allem Punkbands wie die Goldenen Zitronen oder Slime waren, die (pop)musikalisch auf die Pogrome von Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen reagiert haben, finden sich derzeit die spannendsten Beiträge zu Rassismus und völkischer Bewegung im Rap (nur nebenbei: Vereinzelt war das auch schon in den 90ern so). Die Künstler_innen liefern dabei nicht nur gute Songs und kanalisieren die Wut über rassistische Übergriffe und Aufmärsche, sie tragen auch mehr zum Verständnis der politischen Lage bei, als man es Songtexten im Allgemeinen zutraut. Etwas überspitzt formuliert: Man kann von kritischen Rapper_innen zur Zeit oft mehr über deutsche Zustände lernen als aus so manchem Leitartikel.

Wofür zahle ich denn Steuern / Damit die das da oben an Somalia verfeuern? / Gibt hier genug die Hunger haben / Und die würden mich nicht nach Essen in der U-Bahn fragen. (…) Ich war immer nett und höflich mit denen / Selbst wenn’s im Treppenhaus so komisch riecht, hab ich nie was gesagt / Aber muss das Rad immer direkt vor den Briefkästen stehen? / Das machen die doch bestimmt auch nicht so bei sich in Afrika.
Audio88 & Yassin, Schellen

So wie Audio88 & Yassin in ihrem bitterbösen Song  „Schellen“ schauen viele der derzeit erscheinenden Tracks dem Volk auf’s Maul – so wie es sich auch für kritischen Journalismus gehört. Sie geben in überspitzter Form wieder, was die Wutbürger_innen von AfD bis Pegida so an Rassismus, Verschwörungsdenken, Homophobie und Sexismus von sich geben, wenn man sie lässt (Die Rapperin Sookee hat dem Zusammenhang zwischen Homophobie, Sexismus und rechter Ideologie sogar einen ganzen Song gewidmet). Gerade die Karikierung macht deutlich, wie sehr sich das weit verbreitete Gebräu aus Ressentiment und Borniertheit ähnelt, das derzeit bundesweit aus ganz verschiedenen Mündern zu hören ist. Vor allem die scheinbar logische Unterscheidung zwischen „uns“ und „denen“, „unserer Kultur“ und „deren Kultur“ – so als wären Flüchtlinge oder Migrant_innen keine Individuen – ist eine, die explizit rechte Kreise mit manchen unreflektierten Helfer_innen teilen. Und gerade in Bezug auf die Asyldebatte legen die Texte den Finger in die Wunde – etwa, was den Sozialneid auf die Gefüchteten angeht, denen angeblich alles hinterher geschmissen wird.

Du musst ein Deutscher sein wenn du in diese Kneipen gehst / Und immerzu betonen, dass es den Deutschen scheiße geht / Sie würden überfremdet, weil Flüchtlinge kämen / Die alle kriminell sind und sich nicht benehmen / Das wär so schrecklich denn Oma ihre Rente / Fällt nun angeblich irgendwelchen Roma in die Hände / Und aufgrund inländerfeindlicher Familienpolitik wünscht man sich Eva Herman oder gleich Hitler zurück.
Antilopen Gang, Beate Zschäpe hört U2

Der Lynchmob ist krank vor Neid / Auf das Fünf-Sterne-Hotel im Asylantenheim / Der Lynchmob hat keinen Cent im Portemonnaie / Egal ob Merkel nun einen Minirock oder Kopftuch trägt / (…) Denkt ihr die Flüchtlinge sind in Partyboote gestiegen / Mit dem großen Traum im Park mit Drogen zu dealen?
K.I.Z., Boom Boom Boom

Nebenbei erinnern die Songs an vielen Stellen daran, dass solche Parolen nicht einfach nur falsch und hässlich sind, sondern wie in den frühen 90ern faktisch ein Klima schaffen, in dem Gewalt entsteht.  Militante Neonazis fühlen sich von diesem Klima zu Angriffen aufgefordert, die geistigen Brandstifter tragen eine Mitverantwortung für diese Wirkung ihrer Worte. Sowohl in „2014“ von Neonschwarz als auch bei „The Walking Deutsch“ von Kobito & Spezial-K wird in diesem Sinne die derzeitige Lage mit der Eskalation in den frühen 90er-Jahren verglichen.

Horrorszenarien, mediales Rumgebelle schaffen metaphorisch Angst vor der nächsten großen Welle / Hunderttausende kommen bald mit dem Boot her / Wird Bedrohung suggeriert, scheint Angriff wie Notwehr / (…) Und so wird weiter gehetzt gegen Asylbewerber / Hinter denen keine Lobby sitzt und die es eh schon schwer haben / Dabei ist klar was passiern kann, man kennt die Gefahren / 22 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen.
Neonschwarz, 2014

Kamen voller Hass und trugen Fackeln durch die Nacht / Nur der Windstoß trennt Worte von Taten und trägt die Funken auf ein Dach / (…) Spucken Blut, voller Wut, denn sie sind das Volk / Werden mehr, kommen näher, The Walking Deutsch.
Kobito feat. Spezial-K, The Walking Deutsch

Vor allem aber ist in vielen der Tracks eine zentrale politische Erkenntnis verarbeitet, die in der öffentlichen Debatte relativ selten so ehrlich formuliert wird: Rassismus ist kein Problem eines sogenannten rechten Randes, von dem eine demokratisch gesinnte „gesellschaftliche Mitte“ klar abgegrenzt werden könnte. Vielmehr belegen Pegida und die AfD – wie auch die NSU-Mordserie und ihre weiterhin ausstehende Aufklärung –, dass rassistische Denke alle Teile der Gesellschaft durchzieht, auch die gutbürgerlichen, ja selbst die vermeintlich menschenfreundlichen, aufgeklärten. Zugleich zeigen diese neuen rechten Bewegungen, dass mittlerweile auch offen chauvinistische Töne wieder denk- und sagbar geworden sind. Zudem ist es oft genug die offizielle Politik, die aus Machtkalkül dem rechten Diskurs befeuert, anstatt ihm Einhalt zu gebieten.

Und die deutsche Mitte ist da voll auf einer Linie / Verschärfen das Asylrecht aber sind keine Pegida. Soziale Demokraten mit dem Nadelstreifen / Die jetzt endlich auch mal sagen was sie alle meinen.
Kobito feat. Spezial-K, The Walking Deutsch

Weiche Straftäter für gewaltbereite Ausländer, logo / Nein sie sind keine Nazis, auch sie trinken Kaffee Togo / Auch sie war’n schon im Urlaub wo es Schwarze gab / Und am Vatertag lief sogar Roberto Blanco.
OK KID, Gute Menschen

Das ist viel komplizierter, das war zu stark vereinfacht / Schreien die falschen Schlangen, doch was wollt ihr mit denn weismachen / Deutscher Patriot, Vater von drei Kindern / Am Wochenende dumm wie Brot und nur ein rechter Spinner.
MC Bomber, Braune Punkte

Die genannten Songs sind radikal kritisch in dem Sinne, dass sie sich bemühen, das Problem an der Wurzel zu packen: Deutschland, das reichste Land Europas, hat kein Flüchtlingsproblem. Deutschland hat ein Rassismusproblem. Und die derzeitige Krisenlage birgt die Gefahr einer echten Eskalation. Was also tun? Die Mittel der Aufklärung nutzen: aufzeigen, benennen, kritisieren, widersprechen, manchmal auch der Lächerlichkeit preisgeben. Vielleicht hilft Rap nicht gegen diese Zustände. Aber er regt zum Denken an. Und zum Kopfnicken.

Zum Nachhören

Antilopen Gang Beate Zschäpe hört U2
Audio88 & Yassin Schellen
Captain Gips Kaltland
Edgar Wasser Aliens
Fatoni & Dexter 32 Grad
Juse Ju German Angst
K.I.Z. Boom Boom Boom
Kobito feat. Spezial-K The Walking Deutsch
MC Bomber Braune Punkte
Nate57 Immigranten
Neonschwarz 2014
OK KID Gute Menschen
Sookee feat. Spezial-K Zusammenhänge
Zugezogen Maskulin Oranienplatz

Update, 29.11.

Großartigerweise erreichen mich seit der Veröffentlichung dieses Textes immer weitere Hinweise auf Künstler_innen und Tracks, die zum Thema passen, die ich aber z.T. noch nicht kannte oder schlichtweg vergessen hatte. Zum Teil sind sie auch schon etwas älter. Ich werde sie hier in loser Folge zusätzlich verlinken. Danke an alle Hinweisgeber_innen <3

Matondo Kein Mensch ist illegal
Telly Tellz Mischlingskind
Lev Bro feat. Esrap, Kid Pex #nichtstolzdrauf
Refpolk&Darlino One Struggle
Amk Vaterlandsverräter
Tapete feat. DIKE Ein Tag so schön wie heute
Danger Dan Sommerlüge

7 Kommentare

  1. Guter Artikel, danke!
    Wenn Du jetzt noch das N-Wort rausnimmst, bzw. den Song, ist er sogar empfehlenswert..
    Gruß, Reni

    • Hallo Reni,
      danke für das Lob und die Kritik. Ich habe lange überlegt, wie ich’s mit dem N-Wort halten soll, hab dann aber gedacht, dass Zitieren nur Sinn macht, wenn man auch voll zitiert. Ich glaube, dabei bleibe ich auch. Oder wäre es besser, das Wort im Zitat nicht auszuschreiben?

  2. Hallo Hanning,
    naja, hmm, daher schrieb ich „bzw. den Song rausnehmen“, denn eigentlich gibt es sonst keine gute Lösung. Höchstens nicht voll zitieren, aber dann ne Content-Warnung.

  3. Der Artikel fasst hervorragend zusammen was deutschsprachiger Rap zur Zeit leistet. In den 90ern hörte ich Punk, jetzt aus eben diesem Grund kam ich zum Hip Hop!

  4. Pingback: Blogs im November 2015 | STADTKIND

  5. Hey Hanning, guter Artikel! Check mal Dike D von Bunkerwelt (Rap-Legende) – mit Tapete „Ein Tag so schön wie heute“ https://youtu.be/E8J91b3slc4 die beleuchten nochmal aus einer anderen Perspektive.

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