Hanning Voigts

Journalist und Autor.

Von NPD-Kadern und Flüchtlingen

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Wie eine kleine Meldung aus Hessen einmal um die Welt ging.
(am Ende dieses Textes findet sich ein Update vom 2. April 2016)

Büroalltag. Es ist Montag, später Nachmittag, die Zeitung für den nächsten Tag ist im Großen und Ganzen fertig. Die Hektik, die meist am frühen Nachmittag herrscht, ist vorbei. Und dann passiert etwas, was alle Journalist_innen kennen: Sie bekommen überraschend einen Hinweis. Meist sind es Leser_innen, Kolleg_innen oder regelmäßige Informant_innen, ab und an aber auch Fremde, die mit einem Informationsbrocken um die Ecke kommen: „Hör mal, ich hab da vielleicht eine Geschichte. Interessiert euch das?“ Regelmäßig gehe ich solchen Hinweisen nach, recherchiere ihnen hinterher, regelmäßig kommt nichts dabei heraus. Manchmal lässt sich eine Geschichte partout nicht erhärten. Oder an den Vorwürfen, die irgendwer erhebt, ist bei Lichte betrachtet gar nichts dran. Unter Kolleg_innen wird dann gescherzt, man habe die Geschichte „totrecherchiert“. Manchmal werden aus unscheinbaren, schrägen Hinweisen aber auch die besten Texte.

An diesem Montag, 21. März, bin ich sofort hellwach, als mir etwas auf den Schreibtisch flattert. In der lapidaren Polizeimeldung „Fahrt endet am Baum“, schon fast eine Woche alt, soll angeblich mehr stecken: Der 29-Jährige, der da einen schweren Autounfall erlitten hatte, sei Stefan Jagsch, höre ich. Und außerdem seien Flüchtlinge vor Ort gewesen, die noch vor den ersten Rettungssanitätern am Unfallort Erste Hilfe geleistet hätten.

Stefan Jagsch ist ein alter Bekannter. Seit Jahren schreibe ich über den NPD-Funktionär aus der Wetterau. Neben Daniel Lachmann ist er eine Führungsfigur der extrem rechten Partei in Hessen – und war bis vor kurzem ihr kommissarischer Landesvorsitzender. In den letzten Jahren hatte ich als Beobachter der rechten Szene regelmäßig mit Jagsch zu tun, weil er alles Mögliche unternahm, um den schlecht laufenden NPD-Landesverband voranzubringen: Er hatte Neonazis aus dem Lumdatal bei einer Demonstration geholfen, sich an der Gründung des ersten Frankfurter Pegida-Ablegers „Fragida“ beteiligt und gemeinsam mit Kameradschafts-Nazis an den Kundgebungen anderer Pegida-Gruppen teilgenommen. Vor allem aber hatte ich im Mai 2014 aufgedeckt, dass Jagsch unerkannt am Empfang des Jobcenters in Höchst arbeitete. Eine Kündigung durch die Stadt Frankfurt und ein langer Rechtsstreit waren die Folge, erst vor kurzem wurde entschieden, dass der Rausschmiss durch die Stadt rechtswidrig war. Noch Mitte März hatte ich vergeblich bei Jagsch zu Hause in Altenstadt geklingelt, weil ich wissen wollte, was er zum NPD-Wahlerfolg zu sagen hatte – bei der Kommunalwahl am 6. März hatte die Partei in der Kleinstadt immerhin zehn Prozent errungen. Und das, obwohl Lachmann und Jagsch im Wahlkampf mit einer Neonazi-Demo durch Büdingen gezogen waren und dabei offen rassistische Parolen wie „Alles für Volk, Rasse und Nation“ gebrüllt hatten.

Mir war sofort klar: Wenn an diesem Hinweis etwas dran ist, dann ist das eine Geschichte. Weil dann ein gerade gewählter, rechtsradikaler Stadtverordneter aus Hessen verletzt im Krankenhaus läge. Und weil dann ein bekannter NPD-Politiker und Flüchtlinge in einer geradezu absurden Weise zusammenhängen würde – wie im sprichwörtlichen Schlagzeilen-Klassiker „Mann beißt Hund“. Ich machte mich an die Arbeit, telefonierte einmal quer durch die Wetterau und hatte Erfolg: Polizei, Feuerwehr und andere Beteiligte bestätigten mir meine Informationen und nannten weitere Details. Weil ich trotzdem nur wenige Fakten hatte und sowieso kein Platz in der Zeitung vom nächsten Tag war, wurde nur ein schmaler Text aus meiner Recherche, kaum mehr als eine Meldung. Ein Kollege taufte den Text „Syrer retten NPD-Politiker“. Weil es schon spät war, entschieden die Kolleg_innen der Online-Redaktion, ihn ebenfalls erst früh am nächsten Tag im Netz zu veröffentlichen.

Am nächsten Morgen wurde schnell klar, dass der Tag hektisch werden würde. Ich hatte schon um 8 Uhr eine große Zahl von Mentions auf Twitter, viele User_innen teilten meinen Text bereits. Also setzte ich schnell selbst einen Tweet ab und fuhr ins Büro. Dort erwarteten mich die aufgeregten Online-Kolleg_innen, weil der Text auf Facebook und im Netz bereits ungewöhnlich gut lief. Ich solle sofort nachlegen. Ich telefonierte also wieder los, suchte ein paar neue Informationen zusammen und strickte mit heißer Nadel einen kleinen „Nachdreher“, der an Neuem vor allem ein ungewöhnliches Zitat des hessischen NPD-Chefs Jean Christoph Fiedler beinhaltete. Wenn die Geschichte denn so stimme, hatte der etwas verdatterte Fiedler mir am Telefon gesagt, dann sei die Rettung des Kameraden Jagsch „wohl eine sehr gute, humane Leistung“ der Flüchtlinge gewesen. Journalistisch war die Geschichte damit für mich für’s Erste fertig erzählt. Aber denkste.

Mit dem, was dann kam, hatte ich im Grunde nichts mehr zu tun. Als erstes hakte die dpa bei Polizei und Feuerwehr nach und brachte eine Agenturmeldung mit Bezug auf meinen ersten Text, die schon mittags immer mehr deutsche Kolleg_innen übernahmen, auch größere Portale wie Spiegel Online und die Süddeutsche. Die Meldung verbreitete sich, obwohl es mit den Terroranschlägen in Brüssel eigentlich weit wichtigere Nachrichten gab an diesem Tag. Irgendwann zogen die ersten englischsprachigen Medien nach, wohl aufgrund einer Agenturmeldung der Associated Press. Und seit dem Nachmittag gab es dann kein Halten mehr. Immer mehr internationale Medien brachten die Geschichte von Jagschs Unfall und den beiden Flüchtlingen, die ihm geholfen hatten. Ich konnte nur noch fassungslos auf den Bildschirm starren und dabei zusehen, wie die Medienlawine rollte. Meine kleine Meldung hatte tatsächlich einen Nerv getroffen und einen globalen Trend ausgelöst. Die Webseite der Frankfurter Rundschau wurde unaufhörlich aufgerufen, allein auf Facebook hatte mein ursprünglicher Text bald mehr als 13.000 Shares und erreicht zehntausende Leser_innen. Kurze Zeit später bat mich eine Kollegin von der Online-Redaktion des Hessischen Rundfunk um ein Interview zu der Geschichte, weil sie auch bei den dortigen Leser_innen auf unglaubliches Interesse stieß. Das Interview ging noch am selben Abend online und wurde kurz darauf sogar selbst wieder zitiert.

Am nächsten Tag, einem Mittwoch, kamen dann die ersten Interview-Anfragen aus dem Ausland. Ich hatte zunehmend den Eindruck, dass die Geschichte aus dem Ruder lief. Das riesige Interesse passte für mich immer weniger zur Relevanz der Nachricht. Ich hatte eine ungewöhnliche Meldung geschrieben, das schon – aber doch kein aufwendig recherchiertes Enthüllungsbuch. Was sollte ich kanadischen oder US-amerikanischen Kolleg_innen dazu in irgendwelchen Live-Schalten erzählen? Die weltweite Medienmaschine fing an, zu überdrehen – und wollte mich mitdrehen, als wäre ich kein Reporter, der seinen Job gemacht hatte, sondern selbst ein Akteur im Geschehen. Ich schlug die Interviews aus und machte mich lieber wieder an die Arbeit.

Was ich mich seitdem frage: Warum war die Geschichte von Jagschs Unfall und seinen Ersthelfern aus Syrien und dem Sudan dermaßen erfolgreich? Mehr als alles andere, was ich in den letzten Jahren, meistens mit weit höherem Recherche-Aufwand, über Neonazis und die rechte Szene geschrieben habe? Ich meine, dass es dafür mehrere, sich ergänzende Gründe gibt. Erstens passt die Geschichte wahnsinnig gut in diese düsteren Zeiten: Der Zuwachs für die extreme Rechte in Deutschland, Terror gegen Flüchtlingsunterkünfte und Wahlerfolge für NPD und AfD sind seit Monaten weltweit ein Thema, ebenso die wachsende Zahl von Flüchtlingen, die nach Europa kommen – und die als „Sorge“ getarnten Ressentiments vieler Leute, alle Flüchtlinge seien blutrünstige Vergewaltiger_innen und Halsabschneider_innen. Die Geschichte verbindet diese Themen, aber eben auf ungewöhnliche Weise. Diese Nachricht über einen rechten Hetzer und Flüchtlinge bricht eben mit allen Erwartungen der Leser_innen. Zweitens ist sie als klassische Human-Interest-Story mit ihrer Absurdität extrem geeignet für Social Media und ihr Spiel mit der Neugier. „Ein NPD-Politiker baut einen schweren Unfall. Was dann passierte, wird Sie überraschen“ – das sogenannte Clickbaiting, das Schielen auf Klicks durch reißerische Überschriften, läuft bei dieser Geschichte ja praktisch von alleine. Drittens gefällt diese Geschichte natürlich trotz ihres eigentlich eher schwachen politischen Gehalts allen, die geflüchtete Menschen gegen pauschale Vorwürfe verteidigen wollen – schließlich haben die beiden Ersthelfer sich vorbildlich verhalten und Zivilcourage bewiesen.

Letztlich erzählt der Erfolg meiner kleinen Meldung aber auch etwas über Journalismus in Zeiten globaler Nachrichtenströme: Was Leute interessiert, menschlich anrührt und zugleich unterhält, was alle sofort neugierig macht, was man sich seinen Freund_innen und Kolleg_innen gut als Neuigkeit zurufen kann, das funktioniert online oder im Print oft besser als mancher gut recherchierte Hintergrundtext und manche brillant geschriebene Reportage. Und das ist vielleicht nicht überraschend, aber gelegentlich frustrierend für alle, die täglich viel Aufwand in ihre journalistischen Recherchen und politischen Analysen stecken – und sich ärgern, dass ihre wirklich relevanten Texte nicht gelesen werden. Auch für mich.

Update, 2. April 2016

Seit dieser Blogeintrag erschienen ist, ist viel passiert. Der Blogger Ramin Peymani hat in einem Blogtext unter Berufung auf anonyme Quellen behauptet, dass die Bergung von Jagsch anders abgelaufen sei – es seien zwei Busfahrer und nicht zwei Flüchtlinge gewesen, die Jagsch geholfen hätten. Diese Behauptungen garnierte Peymani mit viel Geraune über das „links-grüne Meinungskartell“ und ideologisch motivierter Berichterstattung. Weil Peymani sich weigerte, seine Quellen offenzulegen, hat es zwei Tage Arbeit gekostet, seine Behauptungen gegenzuchecken, die meinen Informationen ja durchaus entgegenliefen. Während der Recherche wurde Peymanis Text auf immer mehr Webseiten geteilt, unter anderem bei „Eigentümlich Frei“, aber auch auf rassistischen Hetzseiten wie „Politically Incorrect“. Die Folge: Ein massiver Shitstorm per Mail, Facebook, Twitter – und auch per Kommentarfunktion auf dieser Webseite. Viel Hass von Leuten, die ihre Vorurteilte gegen die linke „Lügenpresse“ bestätigt sahen und mich wüst beschimpften und beleidigten. Für viele dieser Menschen war klar, dass Peymanis Bericht, der auf anonymen und damit nicht nachvollziehbaren Quellen beruht, die reine Wahrheit sei.

Immerhin: Die Recherche ergab, dass Peymani nicht Unrecht hatte. In der Tat waren es offenbar nicht – wie erst berichtet – zwei Flüchtlinge, sondern ein syrischer Flüchtling und ein Busfahrer, die Erste Hilfe bei Jagsch geleistet hatten. Ich habe dieses neue Ergebnis noch einmal für die Frankfurter Rundschau aufgeschrieben. Ein Kollege aus Gießen hat dem ganzen Hin und Her einen eher süffisanten, längeren Text gewidmet. Klar ist für mich, dass meine ersten Berichte unzutreffend, aber selbstverständlich nicht bewusst gelogen waren. Ich habe Informationen von Feuerwehr und Polizei vertraut – etwas, was jeder Journalist tut, wenn er Verkehrs- und Unfallmeldungen schreibt. Trotzdem wäre es sicher besser gewesen, misstrauischer zu sein, einen Tag zu warten und die heikle Geschichte umfassender zu recherchieren. Möglicherweise werde ich darüber an dieser Stelle noch einmal ausführlicher bloggen. Derzeit muss ich die ganze Aufregung und vor allem den Hass, der mir entgegengeschlagen ist, aber erst einmal verdauen.

6 Kommentare

  1. Pingback: Flüchtlinge aufnehmen - Ja oder Nein? - 177 - Forumla.de

  2. Sowas kommt offenbar vor:
    http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/974145/
    Maik Eminger, Bruder einer der in München angeklagten NSU-Helfer, und nach Einschätzung von Sicherheitsbehörden, eine der Führungsfiguren der Neonazi-Szene – nicht nur in Brandenburg, ein Ideologe der Bewegung, hatte einen Motorradunfall vor einem Dönerladen. Die Ersthelfer: …

  3. Interessanter Blick hinter die Kulissen einer Nachricht!

    Mein Kommentar zielt aber auf diese Formulierung: „… alle Flüchtlinge seien blutrünstige Vergewaltiger_innen und Halsabschneider_innen“. Wieder ein lustiges Beispiel, wohin ein Übermaß an politischer Korrektheit führen kann. Spätestens an dieser Stelle wird klar, dass der schon beim Lesen der ersten Sätze entstandene Eindruck, das mit dem _innen kanns nun auch nicht sein, zutreffend ist. Ich kann mir gut vorstellen, wie der Autor mit sich gerungen hat. Soll er korrekt politisch korrekt sein? Dann muss er der Logik folgen und damit betonen, dass auch Frauen zu Vergewaltigern werden können – was sehr selten ist und in diesem Zusammenhang die Frage aufwirft, ob es überhaupt Berichte von weiblichen Flüchtlingen (Flüchtlinginnen?) gibt, die deutsche Männer vergewaltigt haben.

    Oder darf er unkorrekt politisch korrekt sein und die, an dieser Stelle ziemlich unpassende, Assoziation besser nicht herstellen? Dann macht er sich womöglich angreifbar, dass er das _innen nur dort gebraucht, wo es für Frauen schmeichelhaft oder zumindest nicht nachteilig ist.

    Der Autor hat sich für die korrekte politische Korrektheit entschieden. Ich halte eine solche Grundhaltung nicht für eine gute Eigenschaft eines Journalisten!

    Alles in allem: Auch dieser Versuch, geschlechtsneutral zu schreiben, oder zumindest das Signal auszusenden „ich bin ein Vertreter der Gleichbehandlung von Mann und Frau“, führt in eine Sackgasse.

    Ich würde daher empfehlen, von der _innen-Form abzurücken. Das würde darüber hinaus stärkend auf das Selbstbewusstseins, das von den an sich sehr schön geschriebenen Artikel des Autors ausgestrahlt wird, wirken.

  4. Schöne Geschichte. Aber das „innen“ ist einfach nur grauenhaft.

  5. Zur Frage, warum der verlinkte Artikel offenbar zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hat:
    Eine über 10 Jahre alte Geschichte über eine Bombe die nicht explodiert ist und mit einer rhetorischen Frage (im Vorspann) beginnt, auf deren Beantwortung man über drei Absätze warten muss. Und die Frage, ob Rechte an Straftaten gegen Linke beteiligt sind kann meist mit ‚vermutlich schon beantwortet werden, die Frage danach ist also zum einen sehr naheliegend und zum anderen verspricht sie nur Indizien und kein wirkliche Erkenntnis.

    Aber sehr interessanter Artikel!

  6. Da muß ich Thomas Schreiber zustimmen. Im Übrigen bin ich der Ansicht, daß man das Signal „ich bin ein Vertreter der Gleichbehandlung von Mann und Frau“ eher durch Inhalte senden sollte als durch verkrampfte Formulierungen die einen ansonsten sehr schönen Text doch sehr entstellen und holprig zu lesen machen…

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